Auf dem Präsentierteller - Wo bleibt denn da das Privatleben?
Mit einem „du bist gewollt und willkommen“-Gefühl ging ich 1983 hinein in „unsere“ erste Pastorenstelle nach der Ausbildung. Das heißt, angestellt wurde mein Mann. Aber unsere Ausgangslage war gerade auch für mich komfortabel: Eine kleine Gemeinde, die keine Ansprüche stellte und keine Vorgaben machte. Niemand erwartete irgendetwas von mir. Schließlich war ich vollzeitlich Mutter. Wir hatten zum Zeitpunkt der Anstellung bereits 3 kleine Kinder. Also erstmal gucken. Doch womit ich so nicht gerechnet hatte, war das Gefühl, immer und überall von einigen – nie allen! - Gemeindemitgliedern beobachtet zu werden: Wie geht die junge Frau mit ihren Kindern um? Was sollte ihr unbedingt rechtzeitig gesagt werden, damit sie alle Regeln weiß und beherzigt?
So nach und nach erfuhr ich, dass der Gottesdienst und auch die wöchentliche Bibelstunde als Pflichtveranstaltungen galten. Die Bibelstunde fand am Abend statt. Da unsere Wohnung etwa 750 m vom Gemeindehaus entfernt war, hatte ich es von Anfang an nicht in Erwägung gezogen, an dieser Veranstaltung teil zu nehmen. Denn regelmäßige Babysitter gab es damals wie heute nicht. Doch dann erfuhr ich, dass wohlerzogene Pastorenkinder ab 19 Uhr im Bett zu liegen und fest zu schlafen hatten. Wo sollte da ein Problem entstehen, diese Kinder für ein bis zwei Stunden allein im Haus zu lassen? Schließlich hätte man das mit seinen eigenen Kindern vor 25 Jahren auch so gemacht! Ach ja? Ich schreibe es heute meiner Unerfahrenheit und Jugend (ich war erst 27 Jahre alt) zu, dass ich mich nicht vehementer zur Wehr setzte und entschieden widersprach. Dennoch habe ich mich zwar irritieren lassen, bin aber meinem Herzen gefolgt und zu Hause bei den Kindern geblieben.
Wie oft lassen sich bis heute junge Pastorenfrauen von älteren Gemeindemitgliedern einschüchtern und empfinden sich minderwertig, nicht wahr genommen und in ihren eigenen Unsicherheiten im Stich gelassen? Warum können immer noch altgediente Mitschwestern mit starker Hand ein Regiment führen, das jede Anfängerin erschrecken lässt?
Sicher wird keine Pastorenfrau so direkt mit den Ansprüchen konfrontiert, wenn die Menschen eine gute Kinderstube genossen haben. Doch sie spürt es auf Schritt und Tritt, dass sie nicht genügt, dass sie noch lernen soll, dass da Erwartungen sind, die unausgesprochen vielleicht sogar bedrohlicher sind als wenn man darüber redet.
Mir ist bewusst, dass jede Gemeinde anders tickt. Das liegt oft an der Zusammensetzung der Menschen, die sich zugehörig fühlen, und die glauben, dass sie aufgrund ihres Standes oder Alters darauf bestehen dürfen, dass alle Regeln eingehalten werden. Ist die Gemeinde eher überaltert, ein Spiegel der Gesellschaft oder eine Neugründung mit vielen jungen Menschen, die – vielleicht leicht chaotisch, aber motiviert – alle gemeinsam anpacken? Gerade unter der jungen Generation spielen oft Erwartungshaltungen bestimmten Personen gegenüber keine große Rolle mehr. Schwieriger ist es in den traditionellen Gemeinden, die seit ihrer Gründung schon einige Jahre auf dem Buckel haben. Hier haben sich neben bestimmten Formen auch bestimmte Hierarchien eingeschlichen, die auch gar nicht diskutiert werden. Manchmal sind es auch heimliche Hierarchien. Auch eine unterschiedliche Umgehensweise von Nord nach Süd, Ost nach West kann es jungen Pastorenpaaren erschweren, sich in eine Konstruktion hinein zu finden, die für sie undurchschaubar erscheint.
Unterschiedliche Vorfindlichkeiten scheinen an bestimmten Orten selbstverständlich zu sein und werden nicht diskutiert.
Was zum Beispiel ist zu tun, wenn das Telefon gefühlt ohne Ende klingelt, Leute anrufen und um 22.00 Uhr verlangen, dass der Pastor unverzüglich zu einem Gespräch bei ihnen erscheint, weil es sonst möglich wäre, dass sie sich das Leben nehmen? Wie verhält sich eine Pastorenfrau, wenn eine junge Witwe sich mit ihrem enttäuschten Herzen an den Pastor wendet, um seelsorgerlich beraten zu werden und diese Beratung auch nach 3 Stunden noch kein Ende gefunden hat? Hat sie, seine Frau, heute überhaupt schon 10 Minuten seiner Aufmerksamkeit bekommen? Was tut eine Pastorenfrau, wenn sie den Verdacht nicht los wird, dass sie ihren Mann mit mindestens 5 weiteren Frauen teilen muss, die ihn immer und immer wieder unter dem Deckmantel der Seelsorge zu Gesprächen missbrauchen, die eigentlich in partnerschaftliche Beziehungen gehören? Oder die einfach mal zwischendurch auftauchen, um „ihrem“ Pastor einen leckeren Kuchen vorbeibringen, weil er diesen doch bei seinem letzten Besuch so gelobt hat?
Vor einigen Jahren rief mein Mann an einem Montag (dem anerkannten „Pastorensonntag“) einen Kollegen an. Er hatte sich nichts dabei gedacht, hatte auch nur eine kurze Frage. Sein Kollege nahm das Gespräch an, doch noch während der Begrüßung hörte mein Mann aus dem Hintergrund die wahrscheinlich frustrierte Frau des Kollegen rufen: „Können die Leute uns nicht mal am freien Tag in Ruhe lassen?“ Sie wusste gar nicht, wer anrief. Doch ihr Ausruf war sicher auf eine Dauerbelastung zurück zu führen, die sie als Paar, als Familie durch wiederholte Anrufe und anderes erlebten. Wie wehrt man sich, wie kann und darf frau sich wehren, wenn es alles zuviel erscheint? Täglich, stündlich sich wie auf einem Präsentierteller zu fühlen macht müde und frustriert.
„Was zieh ich an? Wie sehe ich aus? Kann man so zum Gottesdienst gehen?“ Auch diese Fragen gehören zu dem Schaulaufen, dem sich Pastorenfrauen immer wieder ausgesetzt fühlen. „Ihr Rock ist eindeutig zu kurz! Sie muss doch nicht jeden Modekram mitmachen!“
Diese Sätze fallen, leise getuschelt, hinter vorgehaltener Hand. Und die Kinder? Sie toben, kaum dass sie das Gemeindehaus betreten haben, fröhlich durch die Räume. Das geht doch nicht, nicht wahr?
10 Jahre später wechselten wir die Gemeinde. Das heißt, mein Mann wurde in eine andere Stadt berufen. Wir zogen vorläufig in das Gemeindehaus ein. Dass es für uns als 8-köpfige Familie zu klein war, war von Anfang an klar. Doch wir wollten vor Ort dann später weiter nach etwas Passendem suchen. Im ersten Moment genoss ich es, im gleichen Haus zu wohnen, in dem das Gemeindeleben statt fand. War ich doch bisher durch die Kinder weitgehend außen vor geblieben, bis auf die Male, wo Menschen einsprangen und mich entlasteten, wo sie konnten. Das sollte jetzt anders werden! Wer selber eine Pastorenfamilie ist, weiß, wie schnell Pastorenkinder „ihre“ Gemeinde erobern und alles, was darin steht, ihnen zu gehören scheint. Sie sind dort zu Hause und benehmen sich auch so. Wie viel mehr, wenn die eigene Wohnung im selben Haus ist!
Und so geschah, was wohl geschehen musste: Unsere 6 Kinder ließen überall ihre Dinge herum liegen, warfen irgendwo ihre Fahrräder auf die Erde, die Inliner und Skateboards standen herum und nahmen einen etwas größeren Raum ein. Wir wohnten im Haus, ja, aber es war das Gemeindegrundstück! Wir sprachen darüber, die Kinder versprachen, sich zu bessern – mit mäßigem Erfolg. Wir bewohnten die 2. und 3. Etage, so dass ich oben in der Wohnung oft nicht mit bekam, was im Erdgeschoss los war. Und so geschah es immer wieder, dass ich herausgeklingelt wurde, weil wieder der Fuhrpark unserer Kinder die Zugänge zu den verschiedenen Räumen des Gemeindehauses versperrte. Es ist natürlich in Ordnung, mir Bescheid zu sagen, aber da es einfach immer häufiger geschah, war ich manchmal sehr genervt und gestresst. Und fühlte mich einmal mehr auf dem Präsentierteller. Es fühlte sich an nach: So eine unordentliche Familie! Die Mutter ist überfordert, das sieht man doch! Und Die Kinder machen, was sie wollen!
Ich weiß heute gar nicht, ob das jemals jemand ausgesprochen hat. Doch es fühlte sich eindeutig so an.
Hier und da erlebten wir auch lustige Geschichten durch den Kontakt mit unseren Gemeindemitgliedern. Immer wieder wollten Menschen mit reden, ihre Regeln vermitteln.
Wir hatten gerade zu Beginn dieser Zeit in der neuen Gemeinde begonnen, erstmal die alten Menschen zum Kaffeetrinken einzuladen, um sie kennen zu lernen. So saß eines Nachmittags eine rundliche, mit einem Nackenknoten verzierte alte Dame in unserem Wohnzimmer und begutachtete unsere Kinder und uns. Als deutlich war, dass unsere Kaffeezeit zuende ging, erhob sich die alte Dame und sagte forsch: „So, meine Liebe, und nun gehen wir beide in die Küche und waschen zusammen das Geschirr ab!“ Abgesehen davon, dass ich sie nicht gern in der Küche gehabt hätte, gab es da ja aber meinen elektrischen Hausdiener, und so antwortete ich: „Ach, das ist nicht nötig! Wir haben doch unsere Spülmaschine!“ Was dann kam, damit hatte ich nicht gerechnet. Sie bremste ihren Schritt, streckte tadelnd ihren Zeigefinger in die Luft, fuchtelte mir damit vor der Nase rum und antwortete: „Na na, wohl ein bisschen faul, was?“ Mir fiel der Kinnladen herunter! Wir haben später sehr über diese Bemerkung gelacht. Doch im Moment fiel mir nichts Rechtes ein, und ich verabschiedete sie schnell. Was dachte sie sich denn! Sie hatte ein einziges Kind groß gezogen, was lange her war, lebte nun allein als Witwe und konnte sich – so war meine Sicht der Dinge – ihr Leben gestalten, wie sie wollte. Ich hatte 6 Kinder um mich herum und einen größeren Haushalt zu bewältigen. Faul? Merkwürdig, dass ich überhaupt einen weiteren Gedanken daran verschwendete. Heute denke ich, dass es daran lag, dass ich neu in dieser Gemeinde war und auch vielleicht das so andere Temperament der Rheinländer noch nicht so richtig einschätzen konnte. Zu diesem Zeitpunkt war ich 37 Jahre alt, ich hätte es besser wissen müssen.
Doch immer wieder beobachtet und an unerwarteten Stellen getadelt zu werden ließ mich nicht kalt. Ich fühlte mich in Frage gestellt und hatte das Gefühl, dem nichts entgegen setzen zu können.
Warum ist das so? Wie kommt es zu diesem Gefühl, dass wir glauben, wir werden ständig beobachtet? Zum einen liegt das natürlich an dem, was uns die Leute spiegeln. Das, was sie zu uns sagen. Uns ausdrücken, dass sie unsere Kleidung nicht mögen, unsere Frisur nicht und auch nicht unser Verhalten. Das verunsichert und bewirkt, dass wir beginnen, bestimmten Menschen aus dem Weg zu gehen. Oder wir beginnen, uns an die herrschenden Maßstäbe anzupassen, um nicht ständig dumm aufzufallen. Jemand, der sich beobachtet fühlt, wird sich eher an Konventionen und Regeln halten, um die Umgebung, auf die er angewiesen ist, nicht zu sabotieren. Und er wird vor- und umsichtiger agieren.
Klar: Wer sich z.B. im Büro auf dem Präsentierteller wähnt, surft nicht wild im Internet oder lackiert sich die Nägel. Das tut man nur in einer unbeobachteten Minute.
Aber „auf dem Präsentierteller“ in der Gemeinde? Muss ich mich wirklich anpassen oder sollte ich nicht einfach beginnen, konsequent meinen eigenen Stil zu leben und ihn freundlich, aber bestimmt, auch verbal zu vertreten?
Noch eine letzte Geschichte zu diesem Thema:
Unsere Kids wurden älter, sie waren Teenager. Wir hatten versucht, ihnen möglichst viel Freiraum zu lassen, ihren eigenen Stil zu entwickeln - auch wenn das, was sie mit ihrem Äußeren anstellten, nicht immer so vorteilhaft aussah. Ich fragte mich hin und wieder, ob es vielleicht Menschen in der Gemeinde gab, die ihnen in irgendeiner Weise Druck machten, wenn der Sohnemann mit aufgerissenen Hosenbeinen (das war Ende der 90er chic!) In der Musikgruppe vorne Schlagzeug spielte oder eine Tochter jede Woche eine andere Haarfarbe - von grün über lila zu orange - trug, das aber auch ganz selbstbewusst tat und dabei ebenfalls auf der Bähne für Gesang stand. Soweit ich es mitbekam, hielt die Gemeinde die Füße still. Ich kann mich nur an eine Anfrage erinnern, die eine recht alte Dame hatte: Ob wir denn gar nichts unserer Tochter zu ihrem Outfit sagen würden? Das war meine große Stunde, und ich hielt ihr einen kleinen Vortrag über innere Werte, die Sprache des Herzens und die Sicht Gottes: „Der Mensch sieht, was vor Augen ist, der Herr aber sieht das Herz an!“ Sie hat nie wieder etwas gesagt!
Ich glaube, man muss sich einfach nur sicher werden in dem, was man lebt - und dies authentisch tun, authentisch sein und leben. Das hat auch uns geholfen, die Präsentierteller-Situation unter die füße zu bekommen.

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