Das Bild der Pastorenfrau im Wandel der Zeit: 1940 - 1975


Sie war Pastorentochter – eine von vier Mädchen. Das heißt, eigentlich war ihr Vater Beamter. Doch die kleine Freikirche brauchte Predigtverstärkung, sie war eine sogenannte Laienbewegung, in der mehr oder weniger begabte Redner, die „den Ruf“ bekamen, im Predigtdienst eingesetzt wurden. Nichtordinierte Pastoren – das wäre die angemessene Bezeichnung gewesen. Denn sie leisteten oft die Arbeit eines solchen, mit allen Freuden und Leiden, die diese Berufung mit sich brachte:
Es gab Extra-Zuwendungen in Form von Naturalien wie Hühnereier oder Gänsebraten, aber auch abgetragene Kleidung für die „Kleinen“ von begüterten Gemeindemitgliedern. Eine finanzielle Aufwandsentschädigung gab es nicht, oder nur sehr wenig. Das heißt, was der „Pastor“ und seine Familie am Körper trugen oder in der Wohnung stehen hatte, waren „Spenden“ und Gaben opferbereiter "Schäfchen". Es gab sicher eine Reihe von Pastorenehepaaren, die es gewohnt waren, so zu leben und sich darauf einstellten.

Aber SIE, meine Mutter, konnte es nicht. Sie empfand es demütigend, vom Wohl anderer Menschen abhängig zu sein, ebenso wie von deren Geschmack und Modegewohnheiten. Sicher war sie nicht „fromm genug“, um diesen „untersten Weg“ mitzugehen.
Eine tückische Krankheit nahm ihr die Mutter und machte sie mit 16 Jahren zur Halbwaise und Verantwortlichen über die Geschwister -- und zur Ersatz - Pastorenfrau. Mein Opa hatte mit ihr als seiner ältesten Tochter weiterhin eine fast Erwachsene im Haus, die alle hausfräulichen Pflichten von Haus und Hof übernahm. Der 2. Weltkrieg brach aus. Dann die Flucht. Der Verlust der Heimat. Ein neues Zuhause. Irgendwann auch eine eigene Ehe und eigene Kinder. Und dann: Ihre beste Freundin wurde eine Pastorenfrau!

Und hier wurde sie von ihrer Vergangenheit eingeholt, diesmal weniger als Betroffene, sondern vielmehr als Freundin und Vertraute. Außerdem hatten sich die Zeiten zum Teil geändert. Auch der Pastor einer Freikirche bekam nun ein festes Gehalt. Doch es reichte oft hinten und vorne nicht. Denn er und seine Familie lebten von den Spendengeldern der Mitglieder. Und in kleineren Gemeinden war das Spendenaufkommen oft dementsprechend niedrig.
Eine ganze Reihe älterer bis alter Leute hatte sich auch noch nicht umgestellt. Es gab weiterhin oft Naturalien, man musste essen, was die Leute einem gaben. Auch die Kleidung wurde oft gespendet bzw. „vererbt“. Und wenn man nicht trug, was man bekommen hatte, setzte man sich dem Verdacht aus, hochmütig und stolz zu sein.
Die Kinder des Pastors hatten lieb und fromm zu sein, weder vorlaut noch ungezogen. Und die Pastorenfrau war die Vorzeigefrau in der Gemeinde: So wie sie hatte man sich zu kleiden und die Haare zu tragen. Wer sagte ihr, wie sie es zu tun hatte? Natürlich ältere bzw. alte Pastorenfrauen, die keinen Ausbruch aus der Innung duldeten.
Die Freundin meiner Mutter war eine gehorsame, aber innerlich rebellische Pastorenfrau. Und so begann ihr Doppelleben. Nach außen ganz auf Stand und der Norm entsprechend, nach innen (auch innerhalb der Familie) konnte man so sein, wie man wirklich war. Und der Pastor? Er war einerseits angepasst, andererseits liebte er seine lebensfrohe und etwas weltlich gesinnte Frau mit ihren verrückten Ideen. So blieb auch ihm nichts anderes übrig, als eine Art Doppelleben zu führen. War das die Lösung?

Als Heranwachsende habe ich damals mehr mitbekommen als es sicher vorgesehen war. Denn die jüngste Tochter der Pastorenfamilie wurde meine beste Freundin. Und plauderte gerne aus dem familiären Nähkästchen.
Was bei mir dabei ankam, war viel Frust über Gemeinde und Gemeindearbeit, über undankbare Gemeindeglieder und ihre unverschämten Ansprüche an die Pastorenfamilie. Damals begann ich mich zu fragen, wie überhaupt jemand unter all diesen Bedingungen den Beruf eines Pastors ergreifen könnte – zudem noch in einer Freikirche, die sowieso nicht genug bezahlen kann.


Diese beschriebenen Lebensschicksale spielten sich zwischen 1940 und 1975 ab. Es gab natürlich nicht nur „unglückliche“ Pastorenfrauen. Viele waren sogar recht dankbar für diesen
besonderen Status in der Gemeinde, der nicht nur Nachteile mit sich brachte. Denn das Ansehen eines Pastors war noch bis in die 80er Jahre hinein ein Besonderes. Er war der „Herr Pastor“, der einen hohen Vertrauensvorschuss besaß – und das eben auch in den Freikirchen. Und die Frau an seiner Seite wurde zwar von den Gemeindegliedern besonders beobachtet, ob sie würdig war, die Frau des Pastors zu sein, doch sie spielte auch eine herausgehobene Rolle. Oft hatte sie die Oberaufsicht über die Kinderdienste, Frauenbibelstunden und die Gemeindeküche. Sie war allgemein anerkannt als diejenige, die in den Familien der Gemeinde und unter den Frauen die Chefin war. Das, was sie sagte, galt und musste getan werden. In dieser Zeit gab es höchstens in Ausnahmefällen eine Pastorenfrau, die berufstätig war. Ihr Arbeitsfeld war die Gemeinde und die Familie. Auch wenn uns heute dieses Rollenbild sehr extrem und von Druck geprägt erscheint, so erlebten doch viele dieser Frauen ihr Leben an der Seite des hoch angesehenen Pastors sehr erfüllend, ja empfanden sogar eine eigene Berufung darin, ihm unterstützend zur Seite zu stehen und einem eigenen „Herrschaftsbereich“ vorzustehen.

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